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75 Jahre Innovation - eine bewegte Geschichte

Der Standort Lenzing in Oberösterreich weist eine jahrhundertelange Tradition in der Holz-, Papier- und Zellstofferzeugung auf. Mühlen, Sägewerke und Papiererzeuger siedelten sich am Fluss Ager seit dem 17. Jahrhundert an.

Der Industrielle Emil Hamburger errichtete Ende des 19. Jahrhunderts eine Papier- und Zellstofffabrik. Sie ging 1935/36 in das Eigentum der Bunzl-Holding über, der damals bedeutendsten europäischen Papier- und Zellstoffgruppe. Der Standort wurde ausgebaut und die Zellstofffertigung auf den modernsten Stand gebracht.

Die Gründung der „Zellwolle Lenzing“ erfolgte 1938 nach dem Einmarsch der deutschen Armee in Österreich durch die neuen nationalsozialistischen Machthaber. Das Unternehmen war als mehrheitliche Tochter der Thüringischen Zellwolle AG eines von vielen Zellwolle-Neubauprojekten des NS-Regimes. Das Deutsche Reich wollte von Baumwoll­importen durch die Forcierung der Kunstfaserproduktion unabhängig werden. Die Lenzinger Papier- und Zellstofffabrik wurde 1938 zwangsenteignet („arisiert“) und der Thüringischen Zellwolle AG übertragen, die den Zellstoff im neuen Faserwerk einsetzte, dessen Bau am 1. Juli 1938 begann.

Im September 1939 erfolgte der Produktionsstart, 1940 wurde die Nennkapazität von 40 Tagestonnen erreicht. In späterer Folge wurde das Werk auf rund 90 Tagestonnen Produktion erweitert und 1943 die bislang höchste Produktionsmenge von rund 27.000 Tonnen p. a. verzeichnet. Unmenschliche Arbeitsbedingungen und der Einsatz von Zwangsarbeitern prägten das Geschehen. In späterer Folge wurde eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen für Frauen nahe Lenzing errichtet. Die KZ-Häftlinge wurden in der Produktion eingesetzt. Viele von ihnen kamen dabei ums Leben.* Aufgrund von Rohstoffmangel wurde die Faserproduktion 1944 eingestellt. In den letzten Kriegstagen konnten Widerstandsgruppen die vom NS-Regime geplante Sprengung des Werkes vereiteln.

Nach Kriegsende 1945 wurde das Unternehmen unter öffentliche Verwaltung gestellt und die Produktion langsam wieder angefahren. Die finanzierenden Banken Länderbank, Creditanstalt und Oberbank übernahmen die Aktienmehrheit. Die Papier- und Zellstofffabrik wurde an die Familie Bunzl rückerstattet.

Zu Beginn der 1950er-Jahre wurde wieder eine Jahresproduktion von rund 25.000 Tonnen erreicht, die bis zum Beginn der 1960er-Jahre kontinuierlich auf rund 50.000 Tonnen erhöht wurde. Dies gelang vor allem durch die Verbesserung der Spinntechnologie. Es folgten die Vereinfachung und Automation der Arbeitsabläufe, wodurch Lenzing im damaligen enormen Preiswettbewerb mithalten konnte.

1963 erfolgte der Startschuss für die Errichtung eines Forschungsgebäudes, wo alsbald über 100 Personen beschäftigt waren. Lenzing begann an einer Cellulosefaser zu arbeiten, die insbesondere eine höhere Nassfestigkeit als Lenzing Standard-Viscosefaser aufweisen sollte. 1965 wurde die Produktion einer High-Wet-Modulus-Viscosefaser, der heutigen Lenzing Modal® Faser, aufgenommen.

Im Jahr 1969 kaufte die damalige „Chemiefaser Lenzing AG“ die benachbarte Papier-und Zellstofffabrik. Die langjährige Zusammenarbeit dieser Unternehmen wurde so weiter vertieft. Die Integration der Zellstoff- und Faserproduktion sollte in den kommenden Jahrzehnten zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor werden.

Nach entsprechender Entwicklungsarbeit wurde 1976 die Produktion von flammhemmenden Lenzing Fasern aufgenommen. Ursprünglich für Möbelbezugsstoffe gedacht, folgte später der Einstieg in den Markt für Schutzbekleidung.

Ab Mitte der 1970er-Jahre beschäftigte Lenzing einen Gutteil seiner Forschungs- und Entwicklungskapazitäten mit der Minimierung der Umweltauswirkungen der Zellstoff- und Viscose-Produktion. Intensive Grundlagen- und Prozessforschung schufen ein besseres Verständnis der komplexen chemischen Abläufe der Produktionskette. Dies war Voraussetzung für die angestrebte Schließung der Chemikalienkreisläufe und damit einer Minimierung der umweltbelastenden Emissionen bei gleichzeitiger Verbesserung der Faserqualität.

Es folgte ein über fünfzehn Jahre andauerndes umfangreiches Investitions- und Modernisierungsprogramm, um den Standort abzusichern.

1985 wurde die Elementar-Chlorbleiche in der Zellstofffabrik eingestellt, 1986 eine leistungsfähige Abluft-Reinigungsanlage in Betrieb genommen und damit die Rückgewinnung von Schwefel ermöglicht. Es folgten Anlagen zur Verwendung der Klärschlamm- und Rindenabfälle zur Wärme- und Stromerzeugung. Lenzing begann aus der Kochlauge der Zellstoffproduktion Co-Products zu extrahieren, wie etwa Furfural und Essigsäure. 1987 wurde in Lenzing die leistungsfähigste Abwasserreinigungsanlage Österreichs in Betrieb genommen. Lenzing wurde nicht nur zum größten, sondern auch zum umweltfreundlichsten Viscosefaserstandort der Welt und setzte damit neue technologische Maßstäbe.

Bereits in den 1970er-Jahren begann Lenzing an alternativen Produktionstechnologien für Man-made Cellulosefasern zu forschen. 1990 wurde die erste Pilotanlage in Lenzing zur semi-kommerziellen Produktion von Lyocellfasern (heute TENCEL®) errichtet. 1994 erfolgte der Baubeginn für das erste Lenzing Lyocell Werk in Heiligenkreuz, das 1997 in Betrieb ging und kontinuierlich erweitert wurde. 2004 erwarb Lenzing den langjährigen Mitbewerber Tencel Fibers. Lenzing vermarktet seit damals alle seine Lyocellfasern unter der Marke TENCEL®.

Die Internationalisierung von Lenzing begann in den 1950er-Jahren. Aufgrund seiner Größe erschloss Lenzing neue Absatzmärkte außerhalb Österreichs. So wurde kontinuierlich ein internationales Netz von Handelsniederlassungen und Agenten aufgebaut. Zunächst lag der Vertriebsschwerpunkt in Europa, später in Asien.

Mit der Beteiligung an der indonesischen PT. South Pacific Viscose (SPV) im Jahr 1980 wurde Lenzing zum Asien-Produktionspionier. Lenzing stockte seine Beteiligung später auf knapp 100% auf. Heute ist SPV das größte Viscosefaserwerk der Welt. Es folgten in den 1990er-Jahren weitere Beteiligungen an Viscosefaser- und Zellstoffproduktionen in den USA und Brasilien (beide später wieder abgegeben) sowie die Gründung der chinesischen Lenzing (Nanjing) Fibers. Durch den Kauf von Tencel kamen die Produktionsstandorte in Mobile/Alabama (USA) und Grimsby (Großbritannien) hinzu. 2010 wurde das Zellstoffwerk Biocel Paskov (Tschechische Republik) erworben.

Durch die immer stärkere Konzentration auf das Kerngeschäft Man-made Cellulosefasern wurden Randaktivitäten des Konzerns kontinuierlich reduziert. Dies betraf unter anderem ein Sägewerk, den Lenzing Maschinenbau sowie Teile des Anlagenbaus und eine Reihe von Kunststoffproduktionseinheiten.

Heute ist Lenzing ein fokussiertes, global tätiges Unternehmen. Lenzing sieht vor allem in der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Viscose- und TENCEL® Technologie und der laufenden Entwicklung neuer Faserapplikationen den wichtigsten Erfolgsfaktor.

* Diese dunklen Jahre des Unternehmens sind umfangreich aufgearbeitet und dokumentiert. Im Jahr 2010 wurde die bisher umfangreichste Forschungsarbeit von Univ.-Prof. Roman Sandgruber „Lenzing – Anatomie einer Industriegründung im 3. Reich“ veröffentlicht. 2012 folgte mit der Diplomarbeit von Franz Enhuber „Wirtschaftsgeschichte der Lenzing AG von 1949 bis 1980“ eine weitere wissenschaftliche Darstellung der Unternehmensgeschichte.